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Krimi

180 Grad

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IR0053B

innreiter180 Grad
- Verkehrte Kurzkrimis
Rainer Innreiter
ISBN 9783941122581, Twilight-Line, Softcover, 84 Seiten, € 8,99

Klappentext

innreiterDer österreichische Kultautor Rainer Innreiter, welcher durch seinen Wortwitz und seine spitzfindigen und oftmals skurrilen Geschichten bekannt ist, schlägt wieder zu. Waren seine bisherigen Veröffentlichungen eher im Bereich Horror, Science Fiction, Humor und Gesellschaftskritik einzuordnen, führt er diesmal den Leser in wahrlich skurrile Kriminalfälle.

In 12 Geschichten wird der Leser mit einer etwas anderen Seite des Verbrechens konfrontiert, verdreht und teilweise nachdenklich stimmend. Folgen Sie dem Autor in seine Welt der verdrehten Krimis und erleben Sie ein Aha-Erlebnis der besonderen Art.

 


Leseprobe

Der Mann, der Bittner die Tür öffnete, trug Filzpantoffeln und einen hellblauen Morgenmantel. Aus den Federn hatte er ihn offensichtlich nicht geklingelt, denn er hatte nur zweimal klingeln müssen. Außerdem machte er einen zwar müden, aber nicht schlaftrunkenen Eindruck.

„Ja?“, sagte der Mann, nachdem er ihn etwas abschätzig und verärgert gemustert hatte.
Verständlich, wenn man bedachte, dass es bereits elf Uhr war. Um diese Zeit erwartete man keinen Besuch mehr, schon gar nicht von Fremden wie ihm. Zu solch später Stunde klingelten Familienmitglieder, wenn sie den Haustürschlüssel verlegt oder ihn beim Herumkramen in der Handtasche verloren hatten.
Möglicherweise eine beige, modische Handtasche aus billigem Kunstleder mit Druckverschluss, der sich bei einem Handgemenge von selber öffnen und den Inhalt über den Schotterweg verstreuen konnte. Eine Handtasche, wie sie Tanja getragen hatte.

Bittner starrte Tanjas Vater unverwandt an, bis dieser nervös wurde und diesmal etwas schärfer „Was wollen Sie?“ formulierte.

„Herr Hartmut Kaltz?“

Der Angesprochene bejahte und zog die Stirne kraus. „Hören Sie! Jetzt sagen Sie mir doch endlich, was Sie von mir wollen!“

Tanja hatte ihren Vater sehr detailliert beschrieben, das musste man ihr lassen. Sein schütteres Haar, die leicht gebogene Nase, die dürre Gestalt, der Storchenhals, die Blumenkohl-Ohren.
Ein guter Vater, der seine Kinder niemals schlug, selbst dann nicht, wenn er betrunken war, und sich stets Sorgen um seine sechzehnjährige Tanja und die zwei Jahre jüngere Alexa machte. Meist unbegründet.
Natürlich konnte er an diesem Abend nicht ahnen, wie berechtigt seine Sorgen waren, die er sich machte, nachdem Tanja entgegen ihrem Versprechen noch nicht von der Disco nach Hause gekommen war.

Kaltz stieß einen verärgerten Seufzer aus und war im Begriff, die Tür ins Schloss zu knallen, als Bittner sagte: „Ihre Tochter heißt Tanja, nicht wahr?“

Er sprach die Worte sehr ruhig und überlegt aus. Während der Fahrt hatte er einen gewissen Nervenkitzel verspürt: Wie weit würde er diesen Familienvater reizen können? Würde er ihn rasch überzeugen können, wie ernst die Lage stand? Konnte er den zweiten Part seines Spieles reibungslos durchziehen? Oh, in Gedanken hatte er alles durchgespielt, Eventualitäten erwägt, unvorhersehbare Hindernisse einkalkuliert, die er spontan würde meistern müssen.

Aber er war guten Mutes, denn er kannte die Menschen. Die meisten waren wie Beutetiere mächtiger Raubkatzen: Man musste sie nur überraschen, aus dem Hinterhalt angreifen, packen, den Griff keine Sekunde lockern und zubeißen. Manche wehrten sich, strampelten und zappelten in dem sinnlosen Versuch, dem tödlichen Biss zu entgehen. Aber die meisten verfielen in weinerliche Apathie.
Einen Augenblick lang trennte die Tür nur eine Armlänge vom Schloss. Durch die beiden kubusförmigen Verglasungen tauchte das Flurlicht die Straße hinter Bittner in einen trügerischen Schein der Hoffnung.
Diesem Augenblick verlieh die völlige Stille geradezu magische Gelassenheit.
Bittner genoss den Moment, den er als reinigend und erfüllend empfand. Dann wurde die Tür wieder weit aufgerissen.

Fast zögernd sagte Kaltz: „Ja, das ist ihr Name.“

Bittner lächelte sanft. Es war ein Lächeln, das jungen, unsicheren Frauen Röte ins Gesicht treiben konnte.
Die Wangen seines Gegenübers färbten sich jedoch eher fahl, denn rot.

„Ich verstehe nicht“, fuhr er fort und leckte mit der Zungenspitze über die Lippen. „Ist denn was passiert?“

Wieder kostete der Besucher die Stille zwischen ihnen aus. Nichts war befriedigender als ein Spiel, dessen Regeln man nach eigenen Gutdünken festlegen konnte. Und er war bestrebt, es nicht zu schnell enden zu lassen.

„Nun sagen Sie schon!“, fuhr ihn Kaltz mit scharfer Stimme an.

Gut, dachte Bittner: Er trug den Keim anschwellender Panik in seinem dünnen Leib und brütete ihn unwissentlich aus.

„Könnte man sagen“, entgegnete Bittner geheimnisvoll.

Kaltz’ lange, dürre Spinnenfinger verkrampften sich zu einer Faust. Die Knöchel liefen weiß an, während die Finger selbst purpurn wurden. Auf seine feine Beobachtungsgabe war Bittner immer schon stolz gewesen. Zu Recht. Und auch heute Nacht hatte sie sich auf eindrucksvolle Weise bewährt.
Der Keim der Panik hatte Wurzeln geschlagen. Das spürte er sofort, denn Kaltz trat einen Schritt vor, als wollte er ihn, Bittner, einschüchtern.
Lächerlich, dachte dieser. Gewiss: Tanjas Vater war gut einen Kopf größer als er selber, aber Angst ließ jegliche Drohgebärden wirkungslos verpuffen.
Bittner schwieg.

„Ich werde die Polizei rufen“, presste Kaltz sichtlich mühsam hervor und zog sich hinter die Tür zurück.

Der Moment des Zubeißens war gekommen. Auf diesen hatte sich Bittner am meisten gefreut.

„Wenn Sie das tun“, sagte er mit ruhiger Stimme, in der weder Hast, noch Zögern lagen, „werden Sie sie nie wieder sehen.“

Autoreninfo

Rainer Innreiter

Website

Letztendlich sind wir alle nur Protagonisten und Erzähler unserer eigenen Lebensgeschichte. Gerade deshalb interessieren sich so manche Leser brennend für den kreativen Kopf hinter den fiktiven Welten in Buchform. Für eine ausführliche Biographie samt Rückblick auf mein bisheriges literarisches Schaffen weise ich auf die entsprechende Seite meiner Website hin.

Wiewohl ich hoffe, neue Leser nicht allzu sehr in ihren Erwartungen zu enttäuschen. Weder ziehe ich nachts als Vampir verkleidet durch die Friedhöfe der näheren Umgebung, noch kann ich mit irgendwelchen absonderlichen Geheimnissen oder Vorlieben aufwarten. Ach ja: Meine Geschichten entspringen der Phantasie und weisen keinerlei Bezug zur Realität auf. Sind Sie nun desillusioniert? Immerhin verbindet man mit Autoren blutiger Storys eine bestimmte Erwartungshaltung. Deshalb tut es mir leid gestehen zu müssen, ein völlig unspektakuläres Dasein zu führen, das ich lediglich mit dem Verfassen makabrer oder satirischer Texte etwas aufpeppe.

Andererseits könnte all dies natürlich gelogen sein, um meine wahre Identität und mein schreckliches Geheimnis zu bewahren ...

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