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SM0390B

sommereyDie Jugendkultur der Ultras
– Zur Entstehung einer neuen Generation von Fußballfans
Marcus Sommerey
ISBN 9783838200514, Ibidem, broschiert, 168 Seiten, € 24,90

Mit bunten, spektakulären Choreographien, überdimensionalen Fahnen und Spruchbändern, lautstarken Gesängen und Anfeuerungsrufen, angeführt von einem mit Megaphon ausgestatteten Vorsänger, sind die Ultras ein echter Blickfang und heute in fast jeder Fankurve deutscher Fußballstadien zu finden. Mit den Ultras entstand aber nicht nur eine neue Generation von Fußballfans, sondern auch eine neue Jugendkultur. In der öffentlichen Wahrnehmung werden Ultras fast immer mit den gewaltbereiten Hooligans gleichgesetzt. Eine solche Pauschalisierung wird der Vielschichtigkeit der Ultras jedoch nicht gerecht. Marcus Sommerey analysiert in seiner vorliegenden Studie die Ultraszene, ihre Zusammensetzung und ihre Attraktivität für die Jugendlichen. Dabei geht er der Frage nach, welche Gefahren derzeit von der Ultrabewegung ausgehen. Der Autor zeichnet ein detailreiches Bild der Ultraszene und gewährt dem Leser so aufschlussreiche Einblicke in die Strukturen einer neuen Jugendkultur.

5.7 Präsentations- und Aktionsformen
5.7.1 Allgemeiner Support und Choreographie

Die Art der Anfeuerung, die früher überwiegend von Kuttenfans
ausgeübt wurde, hat sich genau wie die Fankultur über die Jahre
gewandelt. Der heute dominierende Anfeuerungscharakter der Ultras
weist in Teilbereichen grundlegend andere Formen von Verhaltensmustern
aller beteiligten Personen auf, als dies noch zu Zeiten
der Kutten der Fall war.
In den zurückliegenden Jahren, in denen Ultras im Stadion nicht die
tonangebende Fankultur waren, wurden beinahe alle Aktionen auf
dem Spielfeld von scheinbar spontan entstehenden, kollektiven Reaktionen
der Zuschauer begleitet. Es handelt sich also um ein kollektives
Verhalten, das durch die gegenseitige Orientierung der Zuschauer
entsteht. Man überträgt im Sinne von Coleman die Kontrolle
über die eigene Handlung auf andere Zuschauer, die ihrerseits
niemanden die Kontrolle übertragen haben, sondern eine selbständige
Handlung ausführen (vgl. Coleman 1991: 260). Diese ist die
Initialhandlung, an der sich die anderen orientieren, und so entsteht
ein kollektives Verhalten, beispielsweise ein Schlachtruf. Er
wird zunächst von einer Person angestimmt und der Rest des Stadions
oder der Kurve stimmt nach und nach ein. Gleiche Verhaltensmuster
treffen, wie eingangs erwähnt, auf die Ultras nicht ganz
zu. Ihre gesamte Anfeuerung, ihr gesamter Support besteht (zumeist)
über das komplette Spiel bzw. über die komplette Aufenthaltsdauer
im Stadion fort und beschränkt sich eben nicht nur auf
eine einzelne Aktion. So muss für besondere Arm-, Klatsch- oder
Schalchoreographien kein bestimmter Anlass, wie z.B. ein gefallenes
Tor, gegeben sein. Somit ist die Anfeuerung völlig unabhängig
vom Spielverlauf oder einer aktuell zugetragenen Aktion. Selbst
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wenn die unterstützte Mannschaft scheinbar uneinholbar im Rückstand
liegt, wird der Support nicht eingestellt.
Es bedarf aber weiterhin einer Initialhandlung, an der sich die anderen
Fans orientieren, auch wenn dies unter anderen Voraussetzungen
geschieht, da die Initialhandlung nicht spontan geschieht, sondern
geplant ist und von den Anderen in der Kurve zu jeder Zeit
erwartet wird.
Doch zunächst: Typischerweise beginnt ein „Auftritt“ der Ultras
nicht erst im Stadion, da sich meist Stunden vor dem Spiel getroffen
wird. Bei Auswärtsfahrten organisiert die Gruppe im Vorfeld einen
Bus oder gibt die Zugverbindung bekannt, mit der die Gruppe
reisen wird. Angekommen am Reiseziel wird im „Corteo“ (Fanmarsch)
zu Fuß zum Stadion marschiert. Dabei nimmt der „Corteo“
meist den Charakter einer Demonstration an, da hinter einem Banner,
welches das Logo der Gruppe trägt, marschiert wird (vgl.
Sommerey 2009 a: 222).
Die Präsenz der Gruppen im Stadion ist der am leichtesten wahrnehmbare
Teil der Ultras. Die Ultras begreifen das Stadion zunehmend
als Bühne, auf der zeitgleich zwei Stücke aufgeführt werden:
Das Fußballspiel der Mannschaften auf dem Spielfeld und ihre Supportershow
in den Fankurven (vgl. Schwier 2005: 28).
Die blockübergreifende Choreographie26, wie sie in Abbildung 5
(Seite 148) als Beispiel zu sehen ist, wird beim Einlaufen der Mannschaften
abgehalten. Dieses so genannte „Intro“ dient als Stimmungsmacher
und gibt dem Spiel einen feierlichen Rahmen. Choreographien
sind ein Phänomen, von dem Beteiligte und Zuschauer
26 Zur Realisierung einer Choreographie werden Papptafeln unterschiedlicher
Farbe auf die Sitzschalen eines Stadionbereichs verteilt. Durch das gleichzeitige
Hochhalten dieser Tafeln ergibt sich dann ein Gesamtbild. Das Gelingen
einer Choreographie setzt also die Beteiligung aller auf dieser Tribüne
anwesenden Zuschauer voraus.
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unmittelbar gefangen genommen werden können (vgl. Rosenfelder
2005; vgl. Schwier 2005: 28ff). Zumeist trägt die Choreographie
noch einen Schriftzug, bezogen auf ein aktuelles Ereignis oder eine
aktuelle Situation. Auf dem Spruchband der Mailänder Ultras ist zu
lesen:
„Interista diventi pazzo!“ (frei übersetzt: „Inter Fans werden verrückt!“)
27
Auch hier, von der Gestaltung der Fahnen oder Spruchbänder bis
zur Choreographie, steht das gemeinschaftliche Erleben im Vordergrund.
Die ausgeführten Aktionen werden subjektiv als „Kick“, „Belohnung“
und „unbeschreiblich geil“ empfunden (vgl. Schwier 2005:
30f).
Alle Aktionen werden in Eigenregie geplant und durchgeführt. Auch
die enormen Kosten für Choreographien, die sich nicht selten auf
4.000 bis 6.000 Euro pro Choreographie belaufen, werden selber
getragen, und dies unterstreicht nochmals die Unabhängigkeit zum
Verein (vgl. Gabriel 2004 a: 189). Ein Großteil der anfallenden Kosten
wird durch den Verkauf der eigenen Fanartikel finanziert. Die
Arbeiten an Bannern und Fahnen nehmen enorm viel Zeit in Anspruch.
Aufgrund der gewaltigen Dimensionen, die ein Banner, annehmen
kann, finden die Arbeiten oft unter großen Autobahnbrücken
oder sogar in Flugzeughangars statt. So geschehen bei den
27 Zum Hintergrund: Die Choreografie zeigt das weltberühmte Gemälde „Der
Schrei“ des norwegischen Expressionisten Edvard Munch, welches Mitte August
2004 in Oslo aus einem sicher geglaubten Museum gestohlen wurde.
Kurz danach kam es zum Derby Inter Mailand gegen den AC Mailand. Die
Interfans fühlten sich angesichts einer frühen 2:0 Führung in den Augen der
Gegner wohl „ebenso sicher wie das Museum“. Doch der AC Mailand glich
aus und erzielte Sekunden vor Spielende das 3:2. Das war für die Interfans
natürlich unglaublich, genauso wie der Diebstahl des Bildes. Die AC Mailand
Ultras fassten die beiden Ereignisse beim Rückspiel des Derbys auf und
stellten eine Parallelität her, die sie in der abgebildeten Choreografie zum
Ausdruck brachten.
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Frankfurter Ultras, die eine Halle der US-Armee nutzen durften, um
ihr 26m langes und 2,10m hohes Hauptbanner malen zu können
(vgl. Gabriel 2004 b: 197f).
Der gesamte Support einer Ultragruppe nennt sich „Tifo“ und wird
vom so genannten „Capo“ koordiniert. Der „Capo“ gilt als Kopf einer
Ultragruppe und steht, mit einem Megaphon ausgerüstet, fast das
gesamte Spiel mit dem Rücken zum Spielfeld. So kann er die Kommandos
für das gemeinsame Hüpfen, Fahnen schwenken, Klatschen
oder Singen geben. Wer in einem Spiel den besseren „Tifo“ macht,
kann schon einmal ein Match verlieren und trotzdem als Sieger
nach Hause gehen (vgl. Tesar / Leonhardsberger 2004: 13; vgl.
Rosenfelder 2005).
Erst in den letzten Jahren kam es zu zaghaften Versuchen von Seiten
der Vereine, die Ultras bei ihrem Support zu unterstützen. So
werden z.B. Räume in Stadien zur Verfügung gestellt, wo Material
für Aktionen gelagert werden kann, oder Podeste für den „Capo“ errichtet,
damit der nicht über 90 Minuten auf dem Absperrzaun stehen
muss. Vereinzelt sind auch schon komplette Mikrofonanlagen in
den Kurven der Heimfans installiert, wodurch der Support noch
besser koordiniert werden kann. Jedoch wird diese Art der Unterstützung
von vielen Ultragruppen abgelehnt, mit der Begründung,
nicht stilecht zu sein (vgl. Thesing 2005: 26ff).
5.7.2 Bengalische Feuer
Bengalische Feuer sind die Achillesferse aller Ultragruppen. Lange
Zeit war das Abbrennen pyrotechnischer Elemente einer der häufigsten
Gründe für Ordnungsdienste und Polizei, Gewalt anzuwenden
(vgl. Gabriel 2004 b: 201). Heutzutage werden die Vereine
vom Verband mit empfindlichen Sanktionen, wie Geldstrafen oder
„Geisterspielen“ (Spiele unter Ausschluss von Zuschauern), belegt

Marcus Sommerey

Website

Marcus Sommerey, geb. 1980 in Mülheim an der Ruhr, Studium der Praxisorientierten Sozialwissenschaften (Studienrichtung Soziale Arbeit und Erziehung) mit dem Schwerpunkt Jugendsoziologie und dem Nebenfach Psychologie an der Universität Duisburg-Essen, ist derzeit in der Jugendberufshilfe und als pädagogischer Berater tätig.

Von Marcus Sommerey

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