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LouisDie Zerbrochenen Engel
– Geschichten  
Wolfgang Louis LW0370B
ISBN 9783942025188, fhl-Verlag, Paperback, 233 Seiten, € 12,95 [D] / 13,40 [A]

 

louisIn „Die zerbrochenen Engel“ wird von Abgründen menschlicher Gedanken und von Hintergründen menschlicher Taten erzählt. Einmal bleibt Wolfgang Louis dabei ganz nah an den Dingen, so dass es einen erschrecken kann. Manch andere Geschichte hingegen scheint der Realität unendlich weit enthoben und lässt einen amüsiert darauf blicken und aufatmen.

Seine humoristische Erzählweise entfaltet eine Leichtigkeit, die wortgewandt, spielerisch und unkonventionell in feinen Satzteppichen verwebt ist. Der Leser wird in Vergangenheiten entführt, ihm werden Türen in Raum und Zeit einen Spalt breit geöffnet, dass es ihm gerade eben gelingt, einen Blick hineinzuwerfen und dort Kleinode zu entdecken.

Solche Details machen die ungewöhnliche Sammlung zu einer spannenden Reise in die Welt der Verfehlungen, der Verletzbarkeiten und Wandlungen innerhalb der menschlichen Psyche und – des ganz alltäglichen Miteinanders.

Ob es nun um einen rätselhaft in die Wand geschlagenen Nagel, einen quälenden Husten, oder auch um einen leidenschaftlichen Besteckputzer geht – scheinbar profane Phänomene werden zum existenziellen Problem und es ist am Leser zu erschließen, aus welcher tiefen Verletzung jede einzelne Geschichte schöpft.

Aus der Erzählung
Urlaub in Tillern

Olivia meinte, ich sei zu faul, um in Urlaub zu fahren. Ich würde das nicht abstreiten. Ein sonderlich bewegungsfreudiger Mensch war ich nie. Kleinere Spaziergänge in moderatem Tempo. Ansonsten sitze ich lieber in einem bequemen Stuhl, Kaffee trinkend, Zigaretten rauchend, nach Möglichkeit mit Blick auf hin- und herwandernde Menschen. Ob es Menschen sind, ist mir egal. Meinetwegen könnten auch Fische vorbeischwimmen. Ein Seehundbecken, ein Affenberg oder auch nur ein Ameisenhaufen würde mich gleichfalls zufriedenstellen. Dies nicht, weil ich ein neugieriger Beobachter wäre. Vielmehr behagt es mir, von einer Geschäftigkeit umgeben zu sein, die mich nichts angeht, der ich aber doch meine Aufmerksamkeit zuwenden kann. Dem Philosophen Pascal zufolge dürfte mein Elend also nur halb so groß sein: Ich bleibe zwar auch nicht gern in meinem Zimmer, dann aber doch still sitzen.

Weniger philosophischen Leuten indes ist dieses mein halbes Elend nicht ganz geheuer. Natürlich gibt es viele Menschen, die gleichfalls gern herumsitzen. Ich denke aber, dass ich, würde man die Sache als olympische Disziplin betrachten, nur wenige ernst zu nehmende Konkurrenten hätte. Freilich erblickt niemand darin eine sportliche Leistung, vielmehr finden die meisten, ich sei nicht recht bei Trost und es müsse irgendetwas verkehrt hängen in meinem Kopf. Mir selbst ist in dieser Hinsicht noch nichts aufgefallen und sollte doch eine fehlerhafte Stelle vorhanden sein, so kann’s mir ja egal sein, weil ich nichts zu klagen weiß über mein Dasein als Kaffeehaushocker.

Natürlich suchte auch Olivia ständig nach einer Erklärung für meine Untätigkeit. Jedes Mal wenn ich ihr sagte, die Sache sei eben so und bedürfe keiner Erklärung, hob sie die Arme zum Himmel und rief: Das könne doch nicht wahr sein. Ein Geheimnis hatte ich nie daraus gemacht. Als sie mich im Anfang fragte, was denn so meine Hobbies seien, habe ich ihr unverblümt die Wahrheit gesagt. Ich nehme an, sie dachte damals, es sei ein Scherz gewesen. Sowie sie schließlich merkte, dass es doch keiner war, witterte sie ein verborgenes Leiden, das kuriert werden musste. Irgendeine kreative Liebhaberei musste gefunden werden, mich wieder zu einem normalen Dasein zu erwecken. Sie erklärte mir, wie man Schach spielt. Sie überredete mich einen Tanzkursus anzufangen, das Theater zu besuchen, einmal ins Schwimmbad zu gehen. Ich sagte zwar jedes Mal im voraus, solche Dinge seien nichts für mich, sie war aber der Ansicht, ich wüsste über mich selbst nicht Bescheid und es schlummere etwas in mir, das, wenn ich es nur einmal entdecken wollte, zu einer interessanten Beschäftigung heranreifen könnte. Herumsitzen und Zigaretten rauchen war in ihren Augen keine interessante Beschäftigung.

Dieselbe büßte in der Tat an Reiz ein, wenn Olivia daran teilnahm. Ihrer Meinung nach verblieb man nicht länger auf einer Kaffeehausterrasse, als für das Austrinken von ein oder zwei Tassen Kaffee nötig war. Sie rauchte zwar auch, aber doch höchstens drei, vier Zigaretten am Tag. Dass ich in diesem Punkt eine größere Verschwendungslust an den Tag legte, war denn auch neben meiner Abneigung gegen jede Art kreativen Zeitvertreibs ein unerschöpfliches Reservoir für Vorwürfe. Täglich erinnerte sie mich an alle Raucherkrankheiten, den Husten, die übel riechenden Hemden, das Vermögen, das ich alljährlich in den Wind pustete. In der Regel besah ich mir dann lieber die eigenen Schuhspitzen. Noch von der Schule her besaß ich einige Übung darin, den Eindruck eines konzentrierten Zuhörers zu machen. Ich fand auch nicht, dass dieser Betrug ungehörig sei. Wenn ich mich selbst der Gabe der Sprache bediente, dann so wie man eine Herdplatte oder einen Rasierapparat benutzt, also immer nur so lange wie die Umstände den Gebrauch nötig machen. Olivia hingegen schien ein naturgegebenes Bedürfnis zu haben, für mehrere Stunden am Tag Lippen und Zunge in Bewegung zu setzen. Eine Art Füße vertreten. Die Worte waren dabei so zufällig, monoton und nebensächlich wie eben bei einem Spaziergang das Geräusch der Schuhsohlen. Kein vernünftiger Mensch konnte ein Interesse daran haben, die lange Kette dieser Geräusche mitzuverfolgen.

louisWolfgang Louis

Website

1964 im Rheinland geboren. Nach Schule und Zivildienst Musikstudium in Bamberg. Dort dann 10 Jahre selbstständiger Musiklehrer (Gitarre). Anschließend in verschiedenen Städten (Köln, Düsseldorf, Leipzig, Konstanz) mit verschiedenen Berufen. Als Koch, Museumswärter, Komparse, Landschaftsgärtner, Bauhelfer. Seit 1999 in Berlin. Dez. 2009 erschien mein Erzählband "Die zerbrochenen Engel" beim fhl-Verlag Leipzig.

Von Wolfgang Louis


 

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