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vancouverVancouver – Das Chaos hat ein neues Zuhause
– Unterhaltung   
Ricarda Peter 

ISBN 9783839134696, BOD, Paperback, 208 Seiten, € 12,90

vancouverIn "Vancouver – Das Chaos hat ein neues Zuhause" erzählt die deutsche Auswanderin Ricarda Peter mit Augenzwinkern, Ironie und einer großen Portion Humor davon, wie sie sich mit ihrer kleinen Familie an der kanadischen Westküste eingelebt hat und den Alltag der Kanadier gehörig durcheinander brachte.

Mit einem scharfen Blick für die Eigenarten und liebevollen Schrulligkeiten der Kanadier, entstand ein Reisebericht der etwas anderen Art.

 

 

 

Kapitel 1
„Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.“ – Lao-tse
Das folgende Bekenntnis zum Leben wurde im Gepäck eines kanadischen Soldaten gefunden, der an einem Dezembertag des Jahres 1943 bei Ortona in Oberitalien gefallen ist: „Ein Vogel hatte für mich gesungen. Ich habe heute am starken Stamm eines lebenden Baumes gelehnt. Heute ist mir eine kleine Eidechse über die Hand gelaufen. Also bin ich nicht allein. Wenn ich wieder nach Kanada komme, will ich mich dessen erinnern. Ich will alles Leben lieben, denn alles Leben ist in Wahrheit eins. Ich will nie mehr zerstören, wenn auch der Mensch zerstörerisch ist. Dies ist mein Traum, dass wir Menschen lernen, in Harmonie zu leben, nicht nur miteinander, sondern mit allem, was lebt."

In loving memory of our mother, who came here to enjoy the people and the sunsets!
– In liebevoller Erinnerung an unsere Mutter, die hierher kam, um die Leute und die Sonnenunter-gänge zu genießen!

Einer meiner Lieblingsplätze in Vancouver ist der Jericho Beach Park im Stadtbezirk Kitsilano. Dort, mitten im Park, umgeben von Grün auf einer Wölbung befindet sich eine Bank, in der diese Inschrift eingraviert ist. Auf dieser Bank nehme ich nur allzu gern Platz, greife zum Buch, beobachte die Leute und genieße den vor mir liegenden Anblick. Das weite blaue Meer mit dem dahinterliegenden Stanley Park und dem Stadtteil North Vancouver. Im Hintergrund die durch die Wolken mystisch aussehenden Berge und zu meiner Rechten der unvergleichlich schöne Blick auf die Skyline. Die goldenen Sonnenstrahlen werfen ihr Licht und tauchen diesen Anblick in ein schönes, warmes, dunkles Rot. Sonnenuntergang in Vancouver. Die Sonne versinkt im Meer zwischen der UBC-Halbinsel und den Bergen im Norden.
Frisch gelandet auf kanadischen Boden, mit meinem weinenden Geldbeutel, den ein Flug nach Van-couver mit sich bringt, ist der Flughafen, gesäumt mit einem Teppich und geschmückt mit einem Wasserfall, sehr hübsch anzuschauen.
Schon eine Legende im Kindergarten, wird es nun Zeit, zum Volk zu sprechen. Frisch geduscht, rasiert und eingecremt bette ich mich ins frisch bezogene Bett. Stelle den Wecker auf Acht und stehe dann doch um Elf auf. Bei der Zufuhr meines morgendlichen Cappuccinos frage ich mich, warum meine Motivation völlig unbekleidet und mit einem Cocktail in der Hand durch den Park läuft, wohin die Zeit entschwunden ist und wie ich meine Träume verwirklichen kann. Meine Fähigkeit, in den ungünstigen Momenten etwas Unpassendes zu sagen, wird nur noch durch mein Talent der verrückten Einfälle übertroffen. Ich versuche Menschen, Tieren und Natur keinen Schaden zuzufügen. Ich habe die Dokumentation Earthlings gesehen und esse nichts, was ein Gesicht hat, ausgenommen Fisch. Wenn Manu und ich uns streiten gibt es immer zwei Standpunkte, meinen und den falschen.

In einem englischsprachigen Land ist die Kommunikation nicht mehr ganz so einfach wie in Good Old Germany. Während sich mein Gesprächspartner in einem Redeschwall erbricht, denke ich immer nur so … hä! Es ist ja nicht so, als würde ich nicht zuhören, es ist nur so, dass ich nichts verstehe! Also stehe ich da und grinse blöd. Wenn er nicht die Flucht ergreift, versucht er es mit einem anderen Gesprächsthema. Doch inzwischen habe ich mir zusammengereimt, was er davor gesagt haben könnte und antworte ein Gemisch aus unpassenden Wörtern mit nicht zusammenhängenden Sätzen, was etwas völlig Idiotisches ergibt. Daraufhin fällt ihm plötzlich ein wichtiger Termin ein und er macht sich aus dem Staub. Weil man die Sprache am besten im Land selbst lernt, übergebe ich das Wort an Domi, während ich mir einen neuen Gesprächspartner suche, den ich blöde angrinsen und etwas Idiotisches erzählen kann.

„Wie ich dich vom Aussehen beschreiben würde …? Puh, das ist gar nicht so einfach. Den Charakter zu beschreiben, wäre da schon etwas einfacher. Auf jeden Fall bist du ein Engel. Allerdings hat wohl jeder eine andere Vorstellung, wie ein Engel aussieht. Manche sagen, du hättest eine gewisse Ähnlichkeit mit Sandra Bullock. Auf jeden Fall bist du sexy, sowohl elegant als auch sportlich, charmant und fröhlich, was zwar innere Werte sind, diese sich aber stark auf das Äußere übertragen, dynamisch, … hm… unbeschreiblich! Du hast braune Augen und wunderschöne braune Haare. Du brauchst kein Make-up, um gut auszusehen, du hast eine natürliche Schönheit.“ – „Ich hab die Haare schön, ich hab die Haare schön…!“

Manu, meine bessere Hälfte, ebenfalls mit mir angekommen, hat Schwierigkeiten die zwei überfüllten Rollwagen durch das Flughafengebäude zu schieben. Auf dem Ersten sind unsere fünf Koffer gestapelt. Manus Technik, den kleinsten als Fundament nach unten und den größten nach oben zu legen, will mir nicht ganz einleuchten. Allerdings bin ich klug genug, die Strategie nicht anzuzweifeln, um den Weltfrieden nicht zu gefährden.
„Schätzelein, wie wäre es mit einem Kurztrip übers Wochenende?“ – „Warte, ich pack nur schnell meine drei Koffer.“
So war es gewesen und nun wird mir beim Anblick dieser fünf Koffer bewusst, wie wenige Sachen wir tatsächlich dabei haben. Alles, was uns noch geblieben ist, befindet sich in diesen Koffern auf diesem Rollwagen. Was immer wir besessen haben, haben wir verkauft, verschenkt oder wegge-schmissen. Was meine Klamotten angeht, so habe ich versucht, so viel wie möglich in die Koffer zu quetschen, der Grund, warum einer aufgeplatzt zu sein scheint. Aber es ist egal, wie viel ich dabei habe, schaue ich in meinen Kleiderschrank, dann finde ich sowieso nichts zum Anziehen und wenn doch, haben sich diese kleinen Tierchen, genannt Kalorien, über Nacht an meinen Sachen zu schaffen gemacht und sie enger genäht.
„Warum muss meine Freundin zwei Koffer voller Bücher von Deutschland nach Kanada transportieren?“, fragt Manu fluchend. Neben meinen Klamotten habe ich noch so viele Bücher wie möglich mitgenommen: „Weil die Freundin hier eine deutsche Buchhandlung eröffnen möchte“, sage ich und lasse ein süffisantes Lächeln, welches meinen Worten Lüge straft, auf meinen Lippen erscheinen. „Genau, warum sollen Leute auch Bücher in der Sprache lesen, die sie verstehen?“ – Wenn ich ein Buch lese, tauche ich ein, in eine andere Welt. Ich werde zum Teil der Geschichte und lerne die Menschen kennen. Ich lache und weine mit ihnen, und wenn sich das Buch dem Ende neigt, fällt es mir schwer wieder Abschied zu nehmen. Doch so habe ich sie immer bei mir.
Auf dem zweiten Rollkoffer befinden sich unsere beiden Tierboxen. Mit uns haben diese große Abenteuerreise angetreten: Leila, vom Stamm der Golden Retrieverinnen, und Idi, vom Stamm der rothaarigen Hauskatzen. Nuffel, unseren etwas größer geratenen und schwarz-weiß gefleckten Kater, haben wir bei lieben Freunden untergebracht. Aufgrund der höheren Umstände (die Regeln der Fluggesellschaft, die nur ein Tier pro Passagier erlauben), wird er uns etwas später mit dem ersten Besuch heimsuchen.
„Ich hoffe, du hast auch Klamotten von mir dabei?“, fragt Manu. „Eine Unterhose von dir müsste sich im Harry Potter Buch zwischen der Seite 100 und der Seite 101 befinden.“ Ich lächle ihn an! Gedanken an seine, auf der Wäscheleine baumelnden, Sachen kommen mir in den Sinn. Jetzt weiß ich wieder, was ich vergessen habe. Doch bin ich mir sicher, das Problem mit einer Shoppingtour aus der Welt zu schaffen. Allerdings ist diese vergleichbar mit einem Kampf gegen einen Haifisch.
Manu ist umkippen, runter werfen, umrennen, stolpern, gegen laufen und vergesslich:
„Schätzelein, hast du meinen Schlüssel gesehen?“ – „Schätzelein, weißt du wo mein Portemonnaie ist?“ – „Schätzelein, ich glaube ich kann mein Gehirn nicht finden. Sag mal, hatte ich schon jemals eins?“
Manu sagt NEIN zum Alkohol und Zigaretten, aber die hören ihm einfach nie zu. Er ist 183 Zentimeter groß und als er noch jung war, hieß das Happy Meal noch Juniortüte. Auf seinem Kopf wächst ein wilder Wuchs von rotem Haar und er ist der Inbegriff des Traums von grünen Augen.

Unsere erste „Amtshandlung“ ist die Abholung unseres Leihautos, welches wir über das Internet in Auftrag gegeben haben. Am Schalter angekommen, bekommen wir die Autoschlüssel für unseren Dodge ausgehändigt. Unser Auto, welches uns im Parkhaus noch riesig erscheint, verliert auf den kanadischen Straßen an Größe. Links, rechts, neben sowie hinter uns fahren Autos, auf deren Anhänger wir problemlos einparken könnten. Wir befinden uns auf dem Weg zu unserer neuen Wohnung. Über das Internet – Craigslist – haben wir eine Wohnung in Richmond, einem Stadtteil außerhalb von Vancouver, gefunden. Es war nicht leicht, eine Wohnung zu finden, wenn man nicht vor Ort ist und einen großen Hund besitzt. Nach einigen Absagen hatten wir unsere Suche außerhalb von „Van“, wie Vancouver liebevoll im Volksmund genannt wird, ausgedehnt und waren fündig geworden. Wir treffen in Richmond ein und fühlen uns wie in Little Asia. Auf der einen Straßenseite befindet sich eine asiatische Bank mit asiatischen Schriftzeichen sowie ein Werbeschild für „All you can eat-Sushi“. Auf der anderen Seite schmücken asiatische Friseure und Geschäfte die Straßen.
„Einfach super! Wir, zwei hellhäutige Langnasen, sind im Schlitzaugenland gelandet. Jetzt hilft nur noch eins. Autofahlen vellelnen und kein R mehl splechen. Und immel schön lächeln.“ – „Sag mal Schatz, wenn Asiaten Fernsehen schauen, sind sie dann Telekinesen?“ Wir lachen, als wir von der Hauptstraße in die Nebenstraße einbiegen und sich uns endlich die typisch amerikanischen Häuser offenbaren. Klassisch amerikanische Häuser unterscheiden sich von den deutschen durch die typischen Schiebefenster und der verwinkelten Dachlandschaft, die den Häusern ein einmaliges Flair verleiht. Ein weiteres Merkmal ist die überdachte Veranda an der Vorderfront des Hauses. In Amerika und Kanada lebt man zur Straße hin und genießt den Abend in einer Hollywood-schaukel mit Freunden oder einem Buch.
Laut der Hausnummer stehen wir vor unserem neuen Haus und sehen eine beeindruckende Vorderseite mit einer überdachten Veranda und einem gepflegten Garten. Wir treffen auf unsere neue Vermieterin namens Anala. Unser Haus besteht aus zwei Etagen. Die untere werden wir bewohnen und die obere unsere Vermieterin. Hinter dem Haus befindet sich ein weiterer Garten mit einer Partyzone und unserem Eingang. Beim Betreten unserer Wohnung stehen wir sofort in der Küche und sind von dem Anblick der alten Einbauküche schockiert. Ich bin überzeugt davon, dass sie noch vor dem Krieg entworfen worden ist, was die enorme Größe des Kühlschranks erklären würde. Ohne Probleme könnte man in diesem Kühlschrank einen Menschen verstecken.

Als ich 16 Jahre alt war, musste ich mich einmal in einem Kleiderschrank verstecken. Ich war zu Gast bei meinem damaligen Freund, der in einem Jugendheim wohnte. In diesem Jugendheim waren die Besuchszeiten streng festgelegt, wovon wir uns aber nicht beeindrucken ließen. Der Betreuer, der mich nicht hatte rausgehen sehen, wollte nachschauen, ob ich auch gegangen war. Also versteckte ich mich in Tims Kleiderschrank. Tims Mitbewohner, neugierig ob das Szenario klappen würde, nahmen im Zimmer Platz und so fand der Betreuer eine lustige Männerrunde vor. Als er sich gerade zum Gehen wenden wollte, musste ich niesen. Den Rücken schon zu uns gedreht, wünschte er frei in den Raum hinein: „Gute Besserung.“ – Und frei aus dem Raum schallte es von jedem: „Danke schön.“ Verblüfft drehte er sich herum und fragte: „Wer hat denn jetzt genossen?“ Alle antworteten: „Ich!“

Links von der Küche befindet sich ein Raum ohne Heizung, dafür aber mit einem begehbaren Kleiderschrank. Dieser bietet eine Menge Platz, um haufenweise Klamotten unterzubringen und trotzdem nichts zum Anziehen zu finden. Rechts von der Küche befindet sich ein weiterer Raum, den wir als Wohnzimmer nutzen werden. In diesem Zimmer existiert dann auch die vermisste Heizung in Form eines Lüftungsschachts. Durch diesen Schacht wird die warme Luft in den Raum geblasen. Die Toilette liegt zwischen dem Wohnzimmer und unserer Küche und scheint aus demselben Jahrhundert wie die Küche zu stammen.

Der Flug war ruhig verlaufen, denn es war mir gelungen keine Panik auszulösen. Auf dem Flug von New York nach Frankfurt war mir einmal ein kleines Missgeschick passiert. Es war mein erster Nachtflug und ich war dabei, aus dem winzigen Bullauge zu schauen, als ich ein rotes Licht am Flügel aufleuchten sah. Sofort unterrichtete ich den Teil der Passagiere, die sich unmittelbar in meiner Nähe befanden, dass es aussah, als würde der Flügel brennen. Diese Neuigkeit machte wirklich schnell die Runde. Kurze Zeit danach hatten alle an Bord befindenden Passagiere davon Kenntnis genommen und waren in Panik geraten. Im nächsten Moment bemerkte ich meinen Fehler. Es brannte keinesfalls, es handelte sich lediglich um das Licht des Flügels, welches bei Nacht angeschaltet wurde. Die Stewardessen hatten alle Hände voll zu tun, die Passagiere zu beruhigen. Ich verschwand auf der Toilette, um dem Lärm zu entkommen und fasste ins Auge mich bei der Fluggesellschaft zu beschweren.
Diesmal war ich froh, in meinen Sitz zu fallen. Kaum oben angekommen, schwelgte ich auch schon in den tiefsten Träumen. Die letzten zwei Tage hatten wir damit zugebracht, unsere Wohnung aufzulösen und unsere Abschiedsparty zu feiern. Beides hatte uns konsequent am Schlafen gehindert. Dazu kam die Traurigkeit, all die lieben Menschen zurückzulassen, die wir eine längere Zeit nicht sehen würden.

Es ist vier Uhr morgens, als wir senkrecht und hellwach im Bett sitzen und aus dem Fenster in die Dunkelheit schauen. Wir beginnen uns anzuziehen und unseren ersten Erkundungstrip durch Richmond zu starten. Nachdem wir uns einen Kaffee geschnappt haben, fahren wir weiter zum Stadtkern, bei dem wir positiv durch die Fülle an Geschäften überrascht werden. Allerdings haben auch Geschäfte in Kanada nicht nachts auf, um durch Jetlag geplagte Kunden Unterhaltung zu bieten, weshalb wir weiter zum Strand fahren und das Meer genießen.

Soweit ich meinen Recherchen trauen kann, entstand Vancouver im Jahre 1860 durch eine große Anzahl von Menschen, die sich niederließen, um nach Gold zu suchen. Aufgrund der hohen Preise, die mich nach Luft schnappen lassen, wenn ich sie mit dem von uns mitgenommenen Geldbetrag vergleiche, der rapide abzunehmen scheint, hat es den Anschein, als wären einige fündig geworden! Aber wer möchte auch nicht an der schönen Westküste von Kanada wohnen, an der das Klima mild und der Regen ein Dauerabo zu haben scheint. Wäre da nur noch mein Problem mit dem ständigen Abhandenkommen meines Regenschirmes in den Griff zu bekommen. Entweder ich vergesse ihn zu Hause oder ich lasse ihn irgendwo liegen. Letzteres passiert andauernd. Sollte ich mal zu einem Vermögen kommen, würde es sich nach und nach in Regenschirme verflüchtigen.

Das alles wollte ich in Kauf nehmen, als ich mich für Vancouver entschieden hatte, denn nach Los Angeles und New York ist diese Stadt der drittwichtigste Standort der nordamerikanischen Filmindustrie und wird als Hollywood North bezeichnet.
Mein großes Ziel, seit ich mich von den Windeln losgesagt hatte und durch Plappern meiner Familie den ganzen Tag auf die Nerven ging, war, dass ich Schauspielerin werden wollte. Natürlich wird solches Gerede von den Eltern nie oder nur in den seltensten Fällen ernst genommen oder noch schlimmer, darauf hingewiesen, dass es sich um einen nicht sicheren Beruf handelt und man lieber etwas langweiliges und sicheres wie Jura studieren sollte. Für jedes Kind absolut verständlich. Mittlerweile war ich 29 Jahre, benötigte immer noch keine Windeln und verfügte immer noch über das Talent, Leute mit meinem Gequatsche zu nerven. Ich hatte einen noch langweiligeren Studiengang, den der Informatik, gewählt und nebenher eine Ausbildung in der Schauspielereikunst absolviert. Ansonsten hatte sich noch nichts getan und das wollte ich ändern. Ich fasste den Entschluss, nach Hollywood zu gehen, um das im Leben zu tun, wovon ich immer geträumt hatte.
Als Manu an einem Abend, Anfang des Jahres 2008, nach Hause kam, platzte ich mit der Neuigkeit heraus: „Ich will nach Hollywood gehen und Schauspielerin werden.“
„Klar, und ich in den Weltraum, Astronaut.“
„Nein, ich meine es ernst.“
„Ich auch.“
In den nächsten Wochen sah er mich im Internet recherchieren, indem ich Informationen zusammen trug, was alles notwendig war, um in die Vereinigten Staaten von Amerika einzureisen. Ihm kam der Verdacht, dass ich es ernst meinte und ihm wurde übel: „Ich finde wir sollten reden“, fing er an.
„Du bist auf einmal so blass. Geht es Dir nicht gut?“
„Himmelherrgott, wir können doch nicht einfach nach Los Angeles gehen.“
„Das stimmt, das wäre ein bisschen, WEIT, – aber wir können fliegen.“
„Fliegen! Wir können da auch nicht hinfliegen. Ich bin mitten im Studium, vielleicht in zwei oder drei Jahren. Wir kennen da keinen und die Stadt ist so groß.“
„Du brauchst doch nur noch deine Diplomarbeit und die kannst du auch dort absolvieren.“
„Lass uns erst einmal Informationen einholen und dann sehen wir weiter.“
„Ich hole jeden Tag Informationen ein.“
„Ich werde nicht mitkommen. Ich kann das nicht“, platzte es aus Manu heraus. Das traf mich völlig unvorbereitet und so ließ ich meine Recherchen die nächsten Tage sein. Doch mein Traum hatte Gestalt angenommen und um glücklich werden zu können, musste ich gehen, wenn nötig auch allein. Ich unterrichtete Manu von meiner Entscheidung und widmete mich wieder meinen Recherchen. Nach einer Woche bemerkte er: „Ich kann dich nicht allein gehen lassen. Ich möchte mit dir alt werden und wenn du das nur in Los Angeles kannst, dann gehen wir halt dorthin.“
Trotz allem fand er nie wieder zu seiner normalen Gesichtsfarbe zurück. Er ließ sich dazu motivieren, mit mir zusammen Recherchen anzustellen und Bewerbungen loszuschicken. Jedoch hegte er im Stillen die Hoffnung, nicht genommen zu werden und kein Visa zu bekommen. Manus Hoffnungen wurden erfüllt. Nach einem halben Jahr unendlich vieler Bewerbungen hatten wir nicht eine Zusage und ohne eine Zusage, gab es kein Arbeitsvisa. Ich musste einsehen, dass es wohl einfacher war, aus dem früheren Hochsicherheitstrakt Alcatraz auszubrechen, als ein Visum für die Vereinigten Staaten zu bekommen. Doch mein Traum hatte sich manifestiert und ich fing an, mein Ziel weiter auszudehnen. Ich stolperte über Informationen von Kanada und ein zweiter jahrelanger Traum tauchte vor meinem Auge auf. Es dauerte sechs Wochen und wir hatten unsere Arbeitserlaubnis. Als ich das erste Mal über Vancouver las, verspürte ich ein Kribbeln auf meiner Haut und ich wusste, das würde unsere neue Heimat sein. Als ich mehr Erkundigungen einholte, erfuhr ich von Hollywood North. Ich hatte es also geschafft. Ich war nach Hollywood gekommen und hatte gelernt, dass man nie aufgeben darf, für seine Ziele und Träume zu kämpfen.

Ricarda Peter

Website

Ricarda Peter wurde 1978 in Bernburg geboren. 1989 gelang ihr die Flucht aus der DDR und sie lebte bis zum Eintritt in das Studentenleben in Goslar.
2003 studierte sie an der Fachhochschule Wiesbaden Allgemeine Informatik und absolvierte nebenher eine Ausbildung in der Schauspielereikunst.
2008 machte sie sich nach Vancouver, Canada auf, um dort ein neues Leben anzufangen. Neben einigen Model- und Schauspielerjobs entwickelte sich dort auch ihr Beruf des Schreibens.
Seit 2009 ist sie freie Schriftstellerin.

Von Ricarda Peter

 

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